Tante Elviras Beine

 

Als ich noch ein Junge war, keine zehn Jahre alt, so Anfang / Mitte der 70er Jahre, jedenfalls bevor Deutschland zum zweiten Mal die Weltmeisterschaft gewann, war es bei den Erwachsenen Mode, alle Freunde und Verwandte oder solche, die man dafür hielt, zu Diaabenden einzuladen.

 

Urlaubsschnappschüsse wurden dem geneigten Betrachterkreis stolz auf der ausgerollten Leinwand an der Wohnzimmerschrankwand präsentiert.

 

Derlei private Lichtbildvorträge erfreuten sich landauf, landab großer Beliebtheit. Vor allem, weil stets  für das leibliche Wohl der Gäste in üppigster Form  gesorgt wurde. Eine solche Einladung war immer mit einem Gelage verbunden

 

30 Jahre nach Kriegsende - der zwischenzeitlich gefestigte,  manifestierte Wohlstand wurde opulent, fast schon ein wenig schamlos zur Schau gestellt. Der Krieg war verloren. Aber Deutschland ging es gut in jenen Jahren.

 

Die Abende nahmen die immer gleiche Wendung. Nachdem der rote Heringssalat, die Käseigel und Hawaiischnitzelchen ab- und die Tische und Stühle umgeräumt worden waren, wurde zunächst jeder mit einem neuen Getränk versorgt. Es gab Bier oder Wacholderschnaps oder beides zugleich für die Männer, die Damen tranken meist Erdbeerbowle, deren Grundzutat der ehrwürdige Kellergeister für Einemarkachtundsiebzig war.

 

Wer damals keinen Alkohol trank, war entweder ernstlich krank oder von Natur aus Außenseiter. Und Zweidrittel der Gesellschaft rauchten. Spaßbremsen unter Erwachsenen, die jede gehobene Stimmung orangensaftnippend ruinierten, erfanden sich erst später, in den 90ern.

 

*

 

Sobald das Stühlerücken beendet war, kroch ich unter den Tisch, der mir vorkam wie eine Schutzhütte im Wald, umringt von einem Dickicht aus lauter Beinen, behost, besockt oder pur und glitzernd mit Nylon oder Synthetik, das wie eine zweite Haut anlag. Zwischen all diesen Beinen fand ich immer die von Tante Elvira. Eigentlich waren wir gar nicht verwandt, aber ich nannte sie trotzdem Tante, weil meine Mutter ein nahezu schwesterliches Verhältnis zu ihr hatte und ich als Kind oft in ihrem Laden weilte, wenn meine Eltern mal eine Pause von mir brauchten. Dann spielte Tante Elvira mit mir, nahm mich liebevoll auf ihren Schoss und nie vergesse ich ihre zart-duftenden Hände, mit denen sie unablässig durch meine Haare strich, während sie mir mit großen Augen von Abenteuern und der weiten Welt erzählte. Bis heute fällt es mir schwer zu glauben, dass sie sogar älter war als meine Mutter, die auf mich immer etwas omahaft wirkte, während Tante Elvira eine Aura jugendlicher Frische umgab: schlank, hochgewachsen und wohlgeformt. Wie meine Mutter immer chic und elegant gekleidet, wenn man ausging, aber auf mich wirkte sie stets wie diese Frauen aus den alten Hitchcock-Filmen in schwarz-weiß und manchmal – wenn Tante Elvira ein ganz bestimmtes Lächeln zeigte – erinnerte sie sogar an die einzigartige blonde Schöne: The great Marilyn Monroe. Damals wusste ich noch nicht, dass man das, was Tante Elvira als Frau ausmachte, mit dem Wort Charme beschrieb.

 

An dem Abend jedenfalls zeigten meine Eltern Dias vom vergangenen Urlaub an der Ostsee. Die Bilder waren noch langweiliger als es die Ferien für mich eh schon waren - wieder allein mit meinen Eltern, die sich oft tagelang anschwiegen.

 

Dem Gelächter über mir nach zu urteilen, war auf den Bildern aber offenbar doch Lustiges zu sehen. Immer wieder aufbrausendes Stimmengewirr, dazwischen kieksende Laute, überschäumendes Lachen wie Wellen, die an einen Strand gespült wurden und sich dort im Sand auflösten. Das alles begleitet von zappelnden Bewegungen der Beine unter dem Tisch, die pantomimisch die Lautmalerei im Zimmer kommentierten. Heiligenhafen und Fehmarn. Mehrfach hörte ich den Namen der Orte, an denen ich mit meinen Eltern drei zähe Wochen der Ferien verbracht hatte.

 

Ich unter dem Tisch also: von dort aus konnte ich ebenfalls das untere Drittel der Leinwand sehen, umso mehr, wenn ich meinen Kopf herausstreckte und ein Stück hervorkroch, was ich an jenem Abend aber nicht mehr tat. Denn zu sehr fesselte mich ein Anblick, nämlich der von Tante Elviras Beinen. Ganz glatt – und, wie gesagt, glänzend! Ich kam ein Stück näher und roch vorsichtig daran. Wonach? Und hatte sie etwa die leichte Berührung meiner Nase gespürt? Wie ein Kitzeln?

 

Ihre Füße glitten aus den hochhackigen Schuhen und kreuzten sich übereinander. Gleichzeitig wippten ihre Knie von links nach rechts, entfernten sich leicht voneinander und kamen wieder zusammen, während sich ihre Oberschenkel wie zwei Schwingen spreizten und inmitten dieser flügelhaften Bewegung legte sich weit hinten vor meinen Augen ein schwarzes Zentrum frei. Schon das war wiederum ungewöhnlich. Kannte ich doch von meiner Mutter, wenn ich sie denn in Unterwäsche sah, nur zeltartige weiße Baumwollüberzieher, wohingegen dieses Schwarz Seide oder ein vergleichbares Material sein musste.

 

Tante Elvira rieb mit der Ferse über ihren Spann, schob dann mit einer Bewegung, als schlüge Franz Beckenbauer einen seiner berühmten 40-Meter-Pässe mit dem Außenrist, ihre Schuhe beiseite, so dass ich unterdessen – durch die Tischdecke in meiner Hütte vor den Blicken geschützt – in Ruhe ihre Füße erkunden konnte.

 

Da war ein winziges Loch über dem großen Zeh. Knallroter Lack! Auch das  ein Unterschied zu meiner Mutter, über deren Fußnägel ich heute nicht mehr nachdenken mag. In Erinnerung geblieben ist mir der Bimsstein. Zurück also zu dem kleinen Loch in Tante Elviras Strumpf. Vorsichtig näherte ich mich dieser winzigen Öffnung in den Maschen mit meinem Zeigefinger und versuchte, die Luke etwas zu vergrößern, ohne dass ich eine leise Ahnung hatte, welchen Sinn es wohl machte, den Zeh freilegen zu wollen.

 

Ihre Füße zuckten und wackelten bei jeder Berührung meinerseits unruhig hin und her, so als hätte sich eine Fliege oder Mücke spürbar auf ihre Haut gesetzt. Mit einiger Geschicklichkeit gelang es mir dennoch, das Loch so weit zu vergrößern, dass der rot lackierte Nagel nun herausragte und mir – wie es schien – freundlich, ja geradezu aufmunternd, zuwinkte. Dabei dehnten sich jetzt ihre Schenkel so weit auseinander, dass mich der süße Duft, der offenbar der Quelle in jenem schwarzen seidenen Zentrum entströmte, nahezu betäubte. Wie jedem Kind fehlte auch mir die nötige Erfahrung mit Narkotika, um mich diesem süchtigmachenden Geruch zu entziehen. Warum auch? Neugierig näherte ich mich der Droge, in deren Süße sich eine angenehm fischige Note mischte, von der ich kosten wollte. Wie moosig und seifig es roch in dieser Schlucht aus dem Fleisch feinst definierter Oberschenkel.

 

Tanze Elvira indessen muss meinen Atem gespürt haben! Das wurde mir erst Jahrzehnte später wirklich klar, aber da konnte ich sie nicht mehr befragen, denn leider war sie viel zu früh, einige Jahre vor meiner Mutter, verstorben – keine 70 Jahre alt.

 

Jener Abend führte zurück in die Ära, als Tante Elvira ihre beste Zeit als Frau gehabt haben muss: attraktiv, kinderlos und immer umschwärmt von Männern, so auch, was nicht zu übersehen war, von meinem Vater, der aber, so denke ich bis heute, bei Tante Elvira keine Schnitte hatte, so dass meine Mutter diese Annährungsversuche jedenfalls getrost ignorieren konnte.

 

Doch zurück zur Gemengelage unter dem Tisch an jenem Diaabend. Sie muss ihn also gespürt haben, den leichten warmen Hauch meiner verdeckten Anstrengung, ihrem Zentrum stückweise näherzukommen. Denn plötzlich hielten ihre Knie mit den Innenseiten meinen Kopf fest, arretierten ihn wie in einem Schraubstock. Erst mein heftigeres Atmen und der Versuch, den Kopf zu befreien, löste die Umklammerung wieder, während von oben kein Mucks des Verrats zu hören war. Auf ein Neues!

 

Doch da spürte ich schon eine Hand auf dem Kopf; ihre Hand, die wie immer liebevoll durch mein Haar strich. Ich sog tief Luft ein - in der Hoffnung, einen Rest dieses berauschenden Geruchs erhaschen zu können. Und schon näherte sich mir eine dichte Wolke, in die ich vordringen wollte, doch Tante Elviras ausgestreckte Hand verhinderte dies zunächst, hielt mich auf Abstand, bis ich den Kopf nach oben drehte und ihren Zeigefinger sozusagen zu fassen bekam, in dem Sinne, wie ein Hund „zufasst“. Ich lutschte daran! Es schmeckte nach Zigarette und Schokolade. Tante Elvira streichelte weiter, erst über meinen Kopf, später die Wange, ganz genauso wie ich das gesehen hatte, wie sie es mit Senta, dem Schäferhund von Onkel Ernst und Tante Hermie getan hatte. Die beiden waren richtige Verwandte von mir und genauso langweilig wie meine Eltern, aber Senta war damals meine einzige und beste Freundin. Daher waren Tante Elviras Reaktionen auf meine Naschsucht in meinen Augen nur folgerichtig. Deshalb begann ich gleich darauf an ihrem Mittelfinger zu saugen und fast unmerklich zog mich die Hand wie in Zeitlupe nach hinten, in Richtung des sagenhaften Zentrums, wo die andere Hand bereits zu liegen und beide Hände sich nunmehr im etwa gleichen Rhythmus zu bewegen schienen.

 

Doch plötzlich: „Der Junge! Wo ist der Junge?“

 

Die hektische Stimme meiner Mutter ertönte und riss mich aus allen beginnenden Träumen. Lautes Lachen, Kreischen, oben. Mit einem Mal wurde es hell! Die Tischdecke ging hoch wie ein Vorhang und beendete dieses Theaterstück mit den Worten: „Was machst Du denn da bloß?“

 

Meine Mutter! Wie üblich halb verständnislos, halb vorwurfsvoll, aber immer nach außen hin präventiv entschuldigend für das Verhalten ihres Sohnes, obwohl sie weder etwas gesehen hatte, noch sonst eine Ahnung gehabt haben konnte, was sich da zwischen mir und ihrer besten Freundin angebahnt hatte.

 

„Ach Grete“, hörte ich Tante Elvira sagen, „nu lass den Jungen doch.“